Topo - Eine Liebe auf den zweiten Blick
04.03.2000 - 23.02.2016

Topo

Für mich bist Du das As der Asse,
bist eine ganz besondere Rasse.
Nicht sehr gross, doch nicht zu klein,

um ein „echter“ Hund zu sein...

„Berger des Pyrénées“ wirst Du genannt;
in unserem Land bist Du nicht sehr bekannt.

Intelligenz und Wachsamkeit prägen diese Rasse -
ein ausdauernder Arbeitshund erster Klasse!

 

Doch eigentlich - das ist das tolle -
spielt das für Dich gar keine Rolle.

Dir ist längst doch schon bewusst,
dass Du was ganz besonderes bist.

Sinngemäss auf den Namen „Tropo“ getauft,
wurdest Du in Frankreich auf dem Markt verkauft.
In einer Kiste aus Holz und Blei -
wie das in Frankreich eben üblich sei…

Du warst krank und alles schmerzte sehr;
dein Gang war schlaff, dein Blick war leer.
Zum Glück gehört nun diese Zeit
endgültig zur Vergangenheit.

Ich lernte Dich ein Jahr später in Basel kennen
und durfte mich bald darauf deine neue Besitzerin nennen.
Die ersten Monate waren wirklich schwer,
doch nun gäbe ich Dich nicht mehr her!

Beschützer sein, stets alles zu geben,
das ist für Dich der Sinn im Leben.
Würden Dich die Herren Bundesräte kennen,
sie würden Dich gewiss bald einen „Kampfhund“ nennen…!

Doch auf Dich ist jederzeit Verlass -
im Ernst genauso wie im Spass.
Du begleitest mich nun schon so manchen Tag,
es wird Zeit, dass ich Dir einmal DANKE sag!

Für Dich nehme ich alles gern in Kauf,
Topo, Du bist der i-Punkt in meinem Lebenslauf. 

Topo

 

 

 

 

Und ich hoffe für uns beide
und alle Hunde dieser Welt,
dass man uns um das beneide,
was uns zwei zusammenhält...

 Ein ganz normaler Hund...?

Es war im März 2001. „Topo“  stand also in unserer Wohnung. Seine bernstein-farbenen Augen blickten  durch mich hindurch, sein langes, graues Fell war verfilzt und stumpf.  Er liess sich zu keinem Schwanzwedeln herab und dennoch wusste ich:  Diesen Hund oder keinen. Er hiess damals noch „Tropo“ (zuviel) und war  knapp ein Jahr alt.  

Dass er eine denkbar schlechte Vergangenheit  hinter sich hat, wusste ich bereits aus diversen Gesprächen und eMails  mit dem ehemaligen Besitzer aus Basel. Topo wurde in Frankreich auf dem  Markt zum Verkauf angeboten. Er hatte alle möglichen Papiere, die ihn  als „echten“ Berger des Pyrénées auswiesen. Jedoch sind diese  Bescheinigungen nicht einmal das Papier wert... Er würde sicher eine  Zeit lang brauchen, um sich einzugewöhnen, sagte sein Besitzer, im  Grunde sei aber alles o.k mit ihm...  

Topo selbst aber "erzählte" mir eine andere Geschichte…

Die ersten 3 Wochen…

Sein  damaliger seelischer Zustand lässt sich mit wenigen Worten beschreiben:  Topo war in gewisser Weise verrückt! Er hatte sich selbst verloren und  ich habe bis zum Kennenlernen von Topo noch nie so deutlich erlebt, was  das Wort "Problem­hund" wirklich bedeutet. All die Tierheimhunde, die  ich lange Zeit an den Wochen­enden betreut habe, hatten niemals solche  Schwierigkeiten wie er.

Manchmal, da wirkte er zerbrechlich und  verletzlich wie eine gefrorene Blüte aus Eis. Ungefiltert wurde er dann  vom Leben überflutet und er war nur noch ein Bündel hysterische Angst.

Manchmal,  da wirkte er hart und kalt wie aus Stein. Dann erreichte ihn nichts  mehr von dieser Welt. Seine Mimik gefror und seine Augen verdunkelten  sich und blickten weit fort in eine andere Zeit. Dann knurrte er grimmig  und ging stur geradeaus, an mir vorbei, als ob es mich nicht gäbe. In  solchen Momenten wirkte er entsetzlich gedemütigt und verlebt. In  solchen Momenten war er unberechenbar, weil es wie die Ruhe vor dem  Sturm war, der jeden Augenblick mit aller Gewalt explodieren konnte.  Dann war nur noch das Chaos in ihm und er war wild, nervös und  aggressiv. In diesen Augenblicken bedrohte er sogar mich und duldete  keine Nähe.

Er hatte nichts weiches, nichts knuddliges an sich, obwohl sein Gesicht dem eines Teddybären ähnlich sieht. 

Er  hatte sich in gewisser Weise vom Leben und vor allem von den Menschen  verabschiedet. Er spielte nicht mit anderen Hunden, er war nie  unbeschwert und fröhlich. Er war nicht fähig, eine Bindung einzugehen.  Und so war ich für ihn zwar da, aber ich war für ihn eine gerade  geduldete Anwesende, die ihm nichts zu sagen brauchte. Mehr nicht. Er  lebte neben mir her und nicht mit mir.

Manchmal  „vergrub“ Topo seine Knochen unter dem Teppich oder er sah  teil­nahms­los aus dem Fenster. Nur einen Augenblick später raste er  kläffend und wie ein Orkan durch die Wohnung, nur weil er ein Geräusch  gehört hatte.  

Er zog stark an der Leine, er  durchlebte Wutausbrüche und Angstattacken. Über drei Wochen lang litt er  an nervösem Durchfall. Sein Futter verteidigte er auf Tod und  Verderben. Keine fremde Person durfte während der Fütterungszeit  anwesend sein. Er steigerte sich sonst in eine Hysterie, wurde  aggressiv.

Eines Morgens wachte ich auf und weinte, weil ich am  Ende meiner Kräfte war. Ich träumte heimlich von einem einfachen, lieben  Hund, den man mit Stolz überallhin mitnehmen konnte und der sich für  eine hundesportliche Ausbildung begeistern lässt. Stattdessen gingen  Hundebesitzer und Spaziergänger auf die andere Strassenseite… Jetzt  hatte ich einen verrückten Hund, der mich nicht einmal akzeptieren  wollte. Der auch mich 2x geschnappt hat, weil ich mich falsch verhalten  habe. 

Ab der 4. Woche...

Da war ich nun mit meinem Berger des Pyrénées.  Aus Überzeugung wollte ich einem Hund eine Chance geben und nicht  „einfach“ einen Welpen kaufen.  Ich arbeitete zuvor mit einem  australischen Cattle Dog und war schon immer Fan von Hüte­hunden. Der  Berger des Pyrénées schien dank seinem  unermüdlichen Arbeitswillen und  seiner Grösse wie für mich gemacht zu sein.

In den ersten Monaten  mit Topo kam ich mir manchmal vor als hätte ich gegen ein  ungeschriebenes Gesetz gehandelt. Bemitleidende Blicke zeigten mir, dass  niemand wirklich daran glaubte, dass dieser Hund resozialisert werden  kann. Nur einer glaubte wie ich immer an meinen Traum; mein Vater.

Topo  passte überhaupt nicht ins Bild des mitleiderregenden Hundes, über  dessen Vergangenheit man Horrorgeschichten erzählen konnte. Ich wusste  über seine Vergangenheit Bescheid. Er war aus dem Süden Frankreichs, er  hatte keine sichtbaren Verletzungen, er war nicht dankbar, nicht  bedauernswert. Er war nur ein französisches Hundeschicksal, wie es sich  täglich irgendwo heimlich und hinter vorgehaltener Hand abspielt. Und  ich hatte gewagt, dieses graumelierte, vor Energie strotzende „Drama“  auf die Strasse zu führen, wo es jeder sehen konnte. Ich hatte gewagt,  diesen Hund genau zu der Zeit zu übernehmen, als die Presse das Thema  "gefährliche Hunde" entdeckte. 

Jeder, der meinem Topo über den  Kopf streicheln wollte, wurde mit einem tiefen und ernsten Knurren auf  Abstand gehalten. Stockträger wurden wütend verbellt. War Topo  angeleint, versuchte er, jeden vorbeigehenden Hund zu attackieren, egal  ob Rüde oder Hündin. 

Der Beginn eines zweiten Lebens 

Ich  wollte ihm die Welt zeigen: taunasse Wiesen am frühen Morgen, freie  Felder und die Berge. Ich wollte ihm zeigen, was es heisst, zu leben.  Mit Artgenossen herumzutoben, einem Menschen zu vertrauen, stundenlange  Spaziergänge zu unternehmen und die Pfoten im Bach zu kühlen...

In  der Abgeschiedenheit der Natur fanden wir allmählich zueinander. Hier  war er einfach ein verrückter Hund, der seine ganze Eigenheit ausleben  konnte. Er begann, ausgelassen über Felder zu laufen, für sich alleine  zu spielen und - sich in Fuchs- und Katzendreck zu wälzen...

Manchmal  konnte ich es jetzt in seinen Augen sehen: das Lachen einer glücklichen  Hundeseele, die wieder zu atmen beginnt. Nur für kurze, zarte Momente,  bevor sie wieder in die Ferne schweiften. Aber sie waren da, die kleinen  Zeichen der Ver­änderung.

Es dauerte lange, bis er endlich  begann, mir zu vertrauen und von mir wirklich etwas anzunehmen. Es  dauerte lange, bis er endlich damit aufhörte, Menschen zu bedrohen, und  noch länger, bis er an der Leine mit anderen Hunden zurecht-kam. Ich  blieb längere Zeit dem Übungsplatz fern, weil sich Topo dort wie eine  wilde Bestie aufzuführen pflegte.

Aber ich trainierte jeden Tag mit ihm das Leben!
Und  meine Bemühungen zeigten langsam Erfolg. Topo fand immer mehr zu sich  selbst. Insgesamt dauerte es gut ein Jahr, bis Topo einigermassen  "gesellschafts-tauglich" wurde.

Sicher wird er mit seinem  Temperament und mit seinem starken Dominan­z­streben und grosser  Unabhängigkeit niemals ein einfacher oder handlicher Hund. Er hat heute  noch seinen eigenen Dickschädel!

Und auch wenn die Zeiten vorbei  sind, in denen er meine "Alphaqualitäten" bis auf den letzten Nerv  überprüfte, so macht er auch heute noch gerne das, was er will. Er nutzt  Schwachpunkte bei mir hemmungslos aus und er versteht es wie kein  anderer, jemanden um die Pfote zu wickeln…!

Seine Art, wie er inzwischen mit Fremdpersonen umgeht, ist phänomenal. Er ist einfach souverän.

Topo liebt die Berge und das Autofahren. Er sucht das aufregende Leben - und ich versuche, es ihm zu geben. Wir  sind viel unterwegs. Er kann sich über Ausflüge freuen wie kein  zweiter! Er läuft noch heute manchmal wie ein Wilder durch die Gegend,  als ob er sich nicht satt sehen könnte an allem und nicht satt erleben. Er kann rennen und herumtoben mit einer nicht zu erschöpfenden Ausdauer.

Für  mich ist Topo das Idealbild einer Hunderasse, die über Jahrzehnte  hinweg sich und ihren Instinkten treu geblieben ist. Ein Hütehund, der  noch von seinem ursprünglichen Verwendungszweck in der Gebirgslandschaft  der Pyrenäen geprägt ist. Topo hat vieles widerlegt, was in  kynologischen Berichten pauschal zu lesen ist. Er lebt mir die  Lebendigkeit und die Flexibilität einer harmonischen und bereichernden  Freundschaft vor, in der auch neue Mitglieder wie der  Border-Terrier-Rüde „Lord“ ohne Aggression aufgenommen werden und ihren  Platz finden.  

Topo  hat mir all die dunklen Seiten der Hundehaltung gezeigt, er hat mich  zur Verzweiflung getrieben und an den Rand meiner Kräfte. Er hat mir  gezeigt, dass Liebe allein nicht genügt und dass mehr dazugehört, als  nur die Haustüre zu öffnen, wenn man einem Hund helfen will, an den im  Grunde genommen niemand mehr glaubt. Er zeigt mir aber auch immer wieder  all seine fröhlichen und lebendigen Seiten. Und er ist der Beweis  dafür, dass auch schwierige Hunde resozialisierbar sein können. Wir  Menschen müssen ihnen nur eine Chance dazu geben: Im April 2003 bestand  ich mit Topo nach intensivem Training die Prüfung für Therapiehunde erfolgreich...

Partnerhunde Schweiz / Sozialhunde Allschwil 

Heute sind wir beide um ein paar Jahre und Erfahrungen älter. Mein  Leben wäre ohne Topo völlig anders verlaufen. Weil ich damals ihn - den  Problemhund - aufnahm, und nicht einen kleinen Welpen. Topo öffnete mir  Türen meiner selbst, die für immer verschlossen geblieben wären. Er  führte mich auf Wege, die ich ohne ihn niemals gegangen wäre.

Er ist der i-Punkt in meinem Lebenslauf...  


Möge diese Geschichte euch lehren,
wie oft der Schein belügt;
nur der Alltag
kann einen Freund bewähren -
der erste Eindruck trügt.